Wozu brauchen wir noch Drucker?

Warum wir Ausgedrucktes immer noch lieben

Wenn ich einen längeren Artikel durcharbeiten will, drucke ich ihn aus. Will ich ein Rezept aus dem Netz nachkochen, drucke ich es aus. Und habe ich endlich eine Liste aller Dinge zusammengestellt, die ich unbedingt und zeitnah erledigen will, dann ... ja, Sie ahnen es schon: Ich drucke sie aus und hänge sie unübersehbar an die Magnetwand. Warum ich das nicht alles digital erledige? Eine gute Frage ...

Ausdrucken oder nicht?

Natürlich muss ich nicht alles ausdrucken – schließlich habe ich ein Laptop, einen großen Bildschirm und ein Smartphone, das mich sogar selbsttätig an dringende To-dos erinnert. Das Digitale ist schneller, günstiger, multimedialer und hat damit viele Argumente auf seiner Seite. Dass ich manchmal lieber den Drucker aktiviere, ist also auf den ersten Blick weder logisch noch sinnvoll. Übrigens ein Widerspruch, zu dem auch die Ergebnisse der aktuellen BitKom-Umfrage* passen: Obwohl 76% der Befragten im Papier keine Vorteile gegenüber digitalen Dokumenten sehen, geben 75% an, wichtige Dokumente in Papierform zu bevorzugen. Unlogisch? Ein bisschen. Trotzdem gibt es durchaus ernstzunehmende Argumente, die für das Ausdrucken sprechen:

Papier ist geduldig – und macht (fast) alles mit.

Um auf das Beispiel mit dem Rezept zurückzukommen: Stellen Sie sich vor, die Zubereitung ist kompliziert, die Zutatenliste lang und die Arbeitsfläche einer Mischung aus Mehlstaub, Teigspritzern und Schokoglasur ausgesetzt. Keine idealen Bedingungen also für den Laptop-Bildschirm! Und noch weniger für das Smartphone: Für einen schnellen Blick auf das Rezept müssen erstmal die Hände gewaschen und getrocknet werden, damit Teig oder Fett nicht auf der Tastatur landen. Das papierne Rezept ist da klar im Vorteil – es übersteht nämlich problemlos die größten Koch- und Backorgien! Was übrigens ebenso für Bastelanleitungen und überhaupt alles gilt, was schmutzig oder nass werden könnte.

Die Unabhängigkeit: Kein WLAN in der Wüste!

Haben Sie schon mal versucht, unterwegs eine Adresse zu orten, wenn der Handy-Akku leer ist? Und sich dann gefreut, dass Sie den Weg zur Sicherheit doch noch einmal ausgedruckt hatten, bevor Sie losgegangen sind? Klarer Fall: Hier kann ein Ausdruck die Situation sofort retten. Denn genau das ist der Haken der papierlosen Kommunikation: Wir brauchen immer irgendetwas, das sie möglich macht – WLAN, Netz, Stromanschluss, volle Akkus ... Und meist gibt es das ja auch. Nur nicht immer! Und dann sind wir plötzlich richtig froh über den Google-Maps-Ausdruck. Oder die Wegbeschreibung. Oder den Ausdruck der Präsentation, wenn der Beamer streikt. Oder, oder, oder.

Die Sicherheit: Ein Blatt Papier versus Cloudspeicher.

Das Netz ist durchlässig, das Stichwort Datenklau Grund zum Fürchten, und vor Hackern haben nicht nur die großen Unternehmen Angst. Wenn es um sensible Daten geht, setzen deshalb viele einfach auf Papier, nach dem Motto: Aufschreiben, ausdrucken – und sofort wieder löschen! Und dann das Blatt mit den geheimen Passwörtern irgendwo aufbewahren, wo es sich sicher anfühlt ...  Die Sicherheit von Daten in der Cloud ist garantiert höher als viele von uns glauben. Trotzdem: Papier kann einem das Gefühl geben, im wahrsten Sinne des Wortes alles im Griff zu haben. Und manchmal kommt es genau darauf an.

Die Gesundheit: Ab und zu die Augen schonen!

Dass unser ständiger Blick auf Bildschirm, Smartphone und Tablet der Gesundheit nicht unbedingt zuträglich ist, haben Augenärzte schon vor Jahren festgestellt: Augen-Trockenheit, verschwommene Sicht, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und schnelles Ermüden sind Beschwerden, die besonders die sogenannte „Generation Y“ treffen – also die in den 80ern Geborenen, die eine besonders technikaffine Lebensweise an den Tag legen. Deshalb gibt es heute viele Möglichkeiten, die Bildschirmarbeit weniger strapaziös zu gestalten. Eine wird aber oft vergessen: Nämlich die, Arbeitsdokumente zwischendurch mal auszudrucken – und beim Durcharbeiten, Lesen und Notieren einfach mal offline zu arbeiten. Das kann ganz schön entspannend sein.

Inhalte aufnehmen: Ausgedruckt ist nicht informativer – aber manchmal angenehmer.

Manche behaupten, wer einen Text ausdrucke, nehme beim Lesen mehr Informationen auf als beim Lesen desselben Textes am Bildschirm. Bewiesen ist das nicht. Im Gegenteil: Schon vor Jahren belegte eine Studie der Uni Mainz**, dass es in Bezug auf die Leseleistung keinen Unterschied macht, ob man auf Papier oder zum Beispiel einem Tablet-PC liest. „Die subjektive Präferenz für das gedruckte Buch ist also nachweislich kein Kriterium für die Schnelligkeit und die Güte der Informationsverarbeitung“, so der Leiter der Untersuchung. Dem gegenüber stand allerdings die Aussage fast aller Probanden, das Lesen auf Papier sei angenehmer. Was wir daraus folgern können? Vielleicht, dass es kein Fehler sein kann, sich auch einfach mal für das Angenehme zu entscheiden.

Die Haptik: Anfassen erlaubt!

Wer schreibt, der bleibt, hieß es früher. Wer druckt, bleibt länger, könnte man ergänzen: Gedrucktes ist schließlich nicht so schnell wegzuklicken wie eine Seite oder ein Banner auf dem Bildschirm. Will ich, dass sich jemand unbedingt mit dem beschäftigt, was ich gerade geschrieben habe, habe ich mit einem Blatt, das ich meinem Gegenüber in die Hand drücke, deutlich größere Chancen als mit einem E-Mail-Anhang. Denn Papier ist auf ganz konkrete Weise präsent – es zwingt uns, sich zu ihm zu verhalten. Und apropos Papier: Das gute Gefühl, etwas im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand zu haben, sollten wir nicht unterschätzen. Im Gegensatz zu den unendlich vielen geöffneten Browserfenstern auf unserem Bildschirm haben wir damit etwas angenehm Abgeschlossenes, Übersichtliches vor uns. Und können eines der Fenster schon mal guten Gewissens schließen.

Tickets, Buchungen, Formulare: Vieles muss noch ausgedruckt werden.

Bleibt noch das, was unbedingt ausgedruckt werden muss, weil die digitale Version nicht reicht: Die vielen digitalen Tickets, die wir früher auch mal per Brief erhielten, müssen wir heute nämlich vielfach selber in Papier übersetzen. Ein Online-Ticket der Deutschen Bahn zum Beispiel muss ich ausgedruckt bei mir führen, sonst gilt es nicht. Auch die Formulare für meine Steuererklärung muss ich ausdrucken. Und viele Rechnungen unterliegen der Aufbewahrungspflicht – nicht nur digital, sondern auch in der ausgedruckten Form, wenn auch seit Inkrafttreten der GoBD 2015 (Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff) die digitale Archivierung für Unternehmen Pflicht ist. Übrigens auch ein Thema, das viele Betriebe erfolgreich verdrängen ...

Alles ist digital. Aber nicht alles muss digital bleiben.

Das Fazit: Der Mix macht’s! Bei allen Vorteilen der Digitalisierung ist es oft durchaus sinnvoll, den Drucker anzuwerfen. Dass wir die Möglichkeit haben, das Beste aus der digitalen und der analogen Welt zu verbinden, ist ein Plus, das ganz individuell genutzt werden kann und sollte.  Denn selbst wenn die Gründe für das Ausdrucken digitaler Inhalte nicht immer logisch sind – manchmal genügt es auch einfach, sich mit einem Blatt Papier in der Hand gut zu fühlen. So einfach ist das.

 

* vgl. BitKom Umfrage 9/2015

** http://www.spektrum.de/magazin/e-reading-papier-schlaegt-bildschirm/1284884

http://www.bildungsxperten.net/presse-archiv/weltweit-einmalige-lesestudie-unterschiedliche-lesegerate-unterschiedliches-lesen-16062/